Am 15.Dezember 2008 starb André Greiner-Pol,

durch sein Wirken bleibt André in unseren Köpfen,
in unserem Handeln, in unserem Leben -

- Danke André ! -



Kein Kind von Traurigkeit

Für André Greiner-Pol

von Bert Papenfuß
(zur Trauerfeier gelesen vom Autor)

Wer „kein Kind von Traurigkeit“ genannt wird,
war mit großer Wahrscheinlichkeit
ein Kind von Traurigkeit.

Üblicherweise war unter unsereiner keiner
bei der Kindheit eines anderen dabei,
jedenfalls nicht zweifelsfrei.

Teilhaber von Kindheitsfreuden, -leiden
und -macken sind schlechte Zeitzeugen.

Wir haben jenseits von Familienbanden
aus freien Stücken zusammengefunden.

Aus Trauer steigt Wut, Zorn und Aufbegehren,
dabei lernt man sich kennen, hassen und lieben.

„Was habe ich getan? “- „Das hab ich getan!“
„Das soll ich getan haben? “- „Das hast Du getan!“

Aus der Enge des Aufbringens steigt Empörung,
mündet in Enttäuschung, führt zu Entzweiflung,
und aus der dringt die Kraft des Durchringens.

Innewohnende Traurigkeit kann uns überkommen.
Das Gegenteil von Traurigkeit kann überborden.
Dann ist der Kater der Urzustand,
frei ist man nur im Widerstand.

Als Kind ist man Realist, als Jugendlicher Nihilist,
der älter werdende Jugendliche wird Anarchist.
Ob nun gealtert, ältlich oder steinalt –
Aus einem waschechten Anarchisten
kann man keinen Erwachsenen herauskitzeln.

Die Welt ist das Zeitalter der Menschen,
das wir nicht verlassen können, nur auslöschen.
Den Raum verändern wir selbst,
im Raum sind wir Freygänger;
Freileben, frei sterben, frei werden.

André Greiner-Pol war kein Kind von Traurigkeit,
er hat das Leben gefeiert – und dabei ist er gestorben.


"Ich bin eine Maschine"    für André Greiner-Pol
Freygang-Band mit Andreas Paul im "Tante Ju" / Dresden (Okt. 2009)





Benzin-Combo - Ein versuchter Nachruf

Zum Tod von Andrè Greiner-Pol
von Peter Wawerzinek

In Schieben bei Herzberg sind Banderolen, graue Balken über die Plakate von Freygang-Konzerten angebracht, informiert mich mein Freund Klaus. Redet während der Fahrt durch die DDR zu mir. Spricht aus dem Orbit, über das mobile Telefon von unterwegs im Land. Es rauscht an meinem Ohr. Ich soll mich flink erkundigen, verlangt er, rausbekommen, was los ist. Ob sich die Band aufgelöst hat oder ob das so ein kurzer Gag der Jungs von Freygang ist. Ein Sichtwerbung, um auf sich zu verweisen?

Kann er sich gut vorstellen, traut denen das zu. Findet gut, wie lange die schon durchhalten haben, um dann vielleicht noch einmal ganz groß raus zu kommen. Meint, er könne sich durchaus gut vorstellen, dass die Gruppe Freygang mit de Banderole bekannt gibt, so kurz vor Weihnacht für alle diejenigen, die unsicher sind, den Zeiten nachzutrauern, die es nie gab, gibt und nimmer geben wird.
Ich recherchiere. Ich erfahre flugs, dass Andrè Greiner-Pol gestorben ist. In der Nacht. Im Bett bei seiner Liebsten. Ich gebe das an Klaus mobil zurück. Der will das nicht fassen. Der sagt, dass er fühlt, wie die Einschläge näher kommen. Das Konzert in Nauwalde, das er für den zweiten Weihnachtstag angekündigt sieht, fällt dann wohl aus, fragt er. Ich sage, ich denke die Fans, nicht nur in der Nähe von Riesa, werden sich was einfallen lassen. In jedem Schmerz wohnt ach das Lied. Und in jeder Trauer lebt die Erinnerung auf.
Ich kann mich so abwechselnd und wahrhaft vielschichtig an Andrè Greiner-Pol erinnern. Ich mag ihn weiterhin. Ich werde kaum Negatives zu seiner Person vermelden. Ich weiß ihn als Künstler von Bedeutung. Das reicht hin für meine verbleibende Lebenszeit. Was mich schmerzlich ergreift, kam mit dem Mauerfall. Die Leute werden kirre gemacht. Die Leute bekommen es in den Kopf geschossen. Sie sollen das fressen und das andere obendrauf. Doch der Fisch beginnt vom Schwanz her zu stinken. Die Leute erschöpfen sich, wenn sie zu intensiv, installierte Hoffnungen pflegen, züchten, abbauen. Es gilt mit dem Mauerfraß als schick an Zukunft und Glück zu glauben. Die Leute sind geblendet. Dunkle Politikergestalten in der Taverne, Abend für Abend. Die sprechen den Haltlosen falschen Mut. Die Irregeführten Sie gründen Existenzen, die nicht lange existieren. Die Leute gehen Projekte an, die Projektile sind, sie abschießen. Die Leute werden von ihren selbsternannten GmbHs zerrieben. Die Leute werden selbstverliebt. Die Leute isolieren sich. Die Leute reisen in die Welt hinaus. All inklusiv. Die Leute kehren heim. Die Leute treffen auf Leute, die wie sie nicht über das Erlebte sprechen können, weil das Erlebte niemanden mehr interessiert. So ist das. Die Leute fressen die neuen Freiheiten in sich hinein. Die Leute blähen sich auf im Freiheitslüftchen. Ihre Häute werden dünn. Die Leute sind lebende Ballons. Lauter ganz gewöhnliche Attentäter. In der U-Bahn, am Familientisch, sonst wo drohen die Leute vor Amok zu platzen, weil die Leute Heilung suchen, sie nirgends finden, nicht bei den Praktiker, nicht in den Praxen, nicht unter die Wahrsagereiengeraten, nicht mit der Wünschelrute zum Weihnachtfest.
In mir singt Andrè weiter. Und Andrè singt laut. Andrè spielt weiter erste Geige. Andrè steht vor mir maskiert, auf der gleichen Bühne. Napoleons Hut zur Seefahreruniform. Die Welt ist kein Irrenhaus. Die Welt ist eine Art Arbeitsplatz. Die Welt ist ein Gefängnishof. Täglicher Rundgang wird Freygang. Die Not hält rettende Zugänge parat. Der Rock `n `roll überlebt, wenn die Musiker handfest spielen. An guten Texten ist nicht zu rütteln. Die Band tourt oder sie tourt nicht, ruht aus. Die Band handelt international. Man spielt im Osten, wenn alles westwärts zieht. So sieht es aus. Jedes Konzert ein Solidaritätskonzert. Weiter, weiter, einfach weiter lautet das Motto. André plaudert mit Mick Jagger und der nächster Song heißt: Die Stones haben gesagt. So ging das. So geht das an. Jau.
Woran ich mich mit André zur Seite erinnern will, wo er nun die Seite gewechselt hat: Wir sind auf dem Lande. Das Auto ist ein Lada. Wir nennen uns Die Scharlatane. Unser Logo ein Affe aus dem über Zwischenergebnisse der Mensch zum aufrechten Gang findet. Wir sind in der östlichen Provinz. Wir besuchen ein Künstlerhaus. Den Ort vergessen wir, bevor wir ihn richtig kennen lernen. So ist das. So tickt die Bombe. Die Aktionen dort werden Performances geschimpft. Die Kunst ist seltsam zu nennen. Einen Mann sehen wir. Er agiert nackt. Er wälzt am Boden. Durchsichtige Schläuche. Zucken. Eine Frau sehen wir. Sie trägt Strumpfhose mit Löchern. Nicht mit der Zigarette hinein gebrannt, löchrig im Duzend erworben, für die nächsten Vorführungen von künstlerischer Freiheit.
Die Kunst meint, irgendwas Peinliches geschieht und niemand kann es genau bezeichnen. Wir stören uns dran. Wir lachen die Akteure aus. Wir stören mit unserer Heiterkeit. Wir empfinden eben Abklatsch, ächten den Kunstkram als nachgemacht. Nix Neues aus dem Westen, rufen wir aus. Alles wie gehabt. Und schwören auf das Gutealte aus dem Osten. Der Osten hat Nachholbedarf. Das ist zu spüren. Das ist ein sichtbarer Ausdruck. Alles soll rascher als möglich vorhanden sein. Wir wenden uns meint, wir wenden uns schamvoll ab. Dem Osten muss geholfen werden, sage wir. Der Osten soll sich zuerst verstehen lernen. Es ist nicht einfach, in den Zeiten von West zu bestehen. Die Freiheit ist ihre allergeringste Möglichkeit. Ergreifen wir sie! Die Freiheit bleibt eine so genannte. Es sind Zeichen zu setzen. Wen die soziale Schärfe trifft, sieht sich abdrängt, vom eigenen Lebensfaden abgeschnitten. Wer aufgibt, kräht auf dem Mist.
Draußen vor dem ländlichen Kunsttempel haben sie Puppen aus Stroh aufgerichtet. Puppe neben Puppe. Puppe gegen Puppe. Absonderlich angezogene Puppen. Ein kreativer Akt entlang des Zufahrtsweges. Ein Leitbild. Fasching ist ausgebrochen im Land. Seit die Mauer weg ist, steht Puppe an Puppe, zielt Spieß auf Rute, sind Attrappen gegeneinander gekehrt; entlang eines Getreidefeldes mit wunderschönen Ähren. Ähren, die ohne Freiheitsanspruch gedeihen. Ähren, die stolz den neuen alten Winden widerstehen.
Wir halten lange auf dem Künstlerhof aus, um in der frühen Morgenstunde zu tun, was mit der Ankunft in den Fingern zuckt und getan sein will. Für die Neue Zeit, sagen wir. Für den besseren Menschen, sagen wir und beginnen den dünnen Faden Benzin auszulegen. Von Puppe zu Puppe. Ohne das nahe Feld zu gefährden. Wir stecken die Lunte in Brand. Ein wundervoller Budenzauber. Unvergesslich der Anblick. Wir fahren mit dem Lada langsam zurück. Wir fotografieren unsere Spontankunst liebvoll. Und schon ist sie gegründet: Die Benzin-Combo. Die Formation, von der wir wissen, dass sie nie auftreten wird, ein Unternehmen der geistigen Art bleibt.
Wir fahren retour und singen leise und geheimnisvoll: Du aber sollst überstehen / Die letzte Mauer fällt nie / wo wir zur Seite ausweichen / Ost-West-Austausch findet zuletzt statt / Die Zeiten vertragen Ändern nicht / Spielregeln sind immer vage auszumachen / Verweigerung ist angesagt.

Peter Wawerzinek